Je ne m'enfuis pas je vole

Je veux d'l'amour, d'la joie, de la bonne humeur
Ce n'est pas votre argent qui f'ra mon bonheur
Moi, j'veux crever la main sur le cœur.



4. Dezember 2118, Erndtebrück, Deutschland


Um sie herum herrschte hektisch-geschäftiges Treiben während Suzanne für den Moment nichts weiter übrig blieb als abzuwarten in den Transportbus einzusteigen, der für sie bereit gestellt worden war. Ihr Blick glitt kurz über die Menschen und Replikanten, welche wie die Zahnräder eines Uhrwerks ineinander griffen, um in beeindruckender Zeit den Standort vollständig zu räumen. So ernst die Situation auch war, war genau dies ein Anblick, der ihr in den letzten Tagen immer und immer wieder einen Funken Hoffnung eingepflanzt hatte. Das Gefühl einer sich entwickelnden zweiten Heimat. So ungewohnt dieses Gefühl für sie auch war was diese Zusammenstellung an Personen betraf sowie die Situation. Krieg. Nun war also Krieg. Wer von ihnen würde diesen überleben? Eine Frage, die sie sich seit langem stellte. Eine Frage, die so ausschlaggebend gewesen war bei all ihren Überlegungen bezüglich des Projekts. Alles hatte sich herunter gebrochen auf die Frage, ob sie sich dafür entschied in ihrer gewohnten Umgebung umgeben von ihren Eltern und Freunden zu sterben in den Mitten des Krieges oder aufgrund der Natur, welche endgültig aufgab ein Überleben möglich zu machen oder in ungewohnter Umgebung auf einem fremden Planeten inmitten von fremden Personen. Doch ihre Entscheidung war gefallen. Die Waagschale hatte sich final in den letzten Stunden, ja in der letzten Nacht gar, vollständig auf die Seite ihres Mitflugs geneigt. Sie ließ ihren Blick weiter gleiten über all die Gesichter, die sich von unbekannten Fremden zu Teammitgliedern entwickelt hatten, denen sie ihr Leben zu verdanken hatte und umgekehrt. Vier Tage. Vier Tage, die dafür Sorge getragen hatten ihr Leben in Gänze zu verändern. Vier Tage, die einige dieser Teammitgliedern zu Freunden gemacht hatten. Absurd eigentlich. Und doch nicht weniger wahr. Und vier Tage, die die Menschen, von denen sie angenommen hatte, dass sie Freunde gewesen waren, verraten hatten.


Ihr Blick fiel auf Laurence, die an einem Baum saß mit geschlossenen Augen. Ein Zeichen dafür, dass in ihrem Kopf sich die Gedanken wahrscheinlich ähnlich überschlugen wie in ihrem eigenen wenn auch sehr wahrscheinlich gänzlich andere. Sie wusste, dass der Tod der russischen Gefangenen Laurence näher ging als ihr selber. Das Gefühl der Unzulänglichkeit. Todeszeitpunkt 20 Uhr 20. Es hatte keinen Sinn gemacht weiter um das Leben der Gefangenen zu kämpfen. Das Herz hatte bereits zu lange ausgesetzt. Mit Sicherheit hätte die Gefangene massive Gehirnschäden davon getragen, wäre sie doch wieder erwacht und hätte vielleicht nur noch massiv geistig eingeschränkt in Gefangenschaft gelebt und hätte keinen Nutzen mehr zu Befragung gehabt. Suzanne zuckt vor diesem Gedanken zusammen und schob ihn sofort weit weg. Es hat keinen Nutzen hier und jetzt darüber nachzudenken wie sie ihre Entscheidungen gewichtet hatte, vor allem am letzten Tag. Wen sie priorisiert hatte um von den kundigen Fingern von Dr. Roth gerettet zu werden und wen nicht. Medizinisch wie ethisch einwandfrei war die Priorisierung zumindest nicht ausgefallen. Sie schaufte leise. Vielleicht hatte sie kein Anrecht darauf ihren Ex-Ehemann so zu kritisieren, wie sie es tat. Aber das war einerlei. Die Distanz zwischen ihnen, die naturgemäß bereits herrschte, war nun endgültig unüberbrückbar geworden. Und sie bedauerte dies keineswegs. Distanz bedeutete eine Lücke. Eine Lücke, die sie verletzte hatte aber die gleichzeitig Freiheit und Freiraum bedeutet hatte. Freiraum für neues, anderes... besseres?


Mit gezielten Schritten, um niemanden zu behindern, begab sie sich zu dem Waldstück in Richtung der vorherigen Sickbay, kramte ihren ehemaligen Ehering aus dem untersten, hintersten Fach ihres Rucksacks. Aus irgendwelchen absurden, emotionalen Gründen hatte sie den Ring noch mit sich genommen aus Paris. Dabei strichen ihre Finger kurz zärtlich über eine kleine Papiertüte, die sie hektisch vorhin direkt daneben verstaut hatte. Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht bevor sie mit ihrer Fußspitze ein Loch in den Waldboden drückte worin der Ring verschwand und Erde wie vertrocknete Nadeln wieder darüber geschoben wurden.


Die feste, befehlsgewohnte Stimme von Major Alexander drang über den Platz und dirigierte unter anderem Suzanne dazu in dem Transportbus einzusteigen. Sie gönnte sich ein kleines, aufmunterndes Lächeln zum Major inmitten des Chaos bevor sie den kurzen Weg zum Gefährt nahm und sich einen Platz ganz hinten, abseits von allen anderen, suchte. Sie, die sonst eher die Gesellschaft und das Lachen von anderen suchte, brauchte auch einmal einen kleinen ruhigen Moment für sich. Ihre Finger wanderten kurz in ihre Hosentasche, um ihre kleine Pillendose hervor zu holen und einige Teil des Inhalts spülte sie mit einem Schluck Wasser hinunter. Während sie noch ihren Rucksack unter ihrem Sitz verstaute setzte sich Sophie neben sie mit einem kleinen, müden Lächeln. Beide wechselten für den Moment kein Wort, denn es war klar dass sich beide diesen Platz ausgesucht hatten, um eben gerade für den Moment einmal keine Gespräch führen zu müssen wenn auch wahrscheinlich aus sehr unterschiedlichen Gründen.


Ein letztes Mal glitt ihr Blick aus dem Fenster des Busses hin zu der Führungsspitze des Projekts, die sich vor der Tür versammelt hatte wohl für die finale Abnahme. Übermüdung, wirbelnde Gedanken und Emotionen trieben ihr die Tränen in die Augen als diese über die Gesichter glitten und hängen blieben, welche sie jedoch entschieden fort wischte und ihren Blick wieder fort riss. Sie angelte ihren Planer aus ihrem Rucksack und drehte sich etwas von Sophie fort, so dass diese hoffentlich nicht sehen konnte, was sie schrieb, bevor sie anfing mit etwas wackeliger Schrift auf den Notizblättern, auf denen das Logo der EUFOR prangte, einen nötigen Brief zu schreiben. Vielleicht fiel es ihr einfacher diese Worte auf Papier zu bannen als auszusprechen.