Blog-Artikel

    I don't want to talk

    About the things we've gone through

    Though it's hurting me

    Now it's history

    I've played all my cards

    And that's what you've done too

    Nothing more to say

    No more ace to play


    5. Dezember 2118, Deutschland


    Vincent,

    ich schreibe Dir nicht, um bereits Gesagtes erneut zu schreiben. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Dich dieser Brief überhaupt erreichen wird. Ich nehme an, dass Du aktuell wahlweise weit fort bist oder rechtzeitig dafür Sorge getragen wurde, dass Du keine Möglichkeit hast weit fort zu sein. Außer natürlich Deine vermeintlichen Freunde, die Du nun sehr wahrscheinlich auch gegen Dich aufgehetzt hast, haben Dir einen sicheren Unterschlupf gewährt und versuchen sich darum zu kümmern, dass die Anschuldigungen gegen Dich - und gegen sie - fallen gelassen werden. Ich kann Dir nur sagen, dass Dein Brief mich sehr zu meiner Verwunderung erreicht hat und alle nötigen Schritte von meiner Seite eingeleitet worden sind. Mit Dir

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    Turning and turning in the widening gyre
    The falcon cannot hear the falconer;
    Things fall apart; the centre cannot hold;
    Mere anarchy is loosed upon the world,
    The blood-dimmed tide is loosed, and everywhere
    The ceremony of innocence is drowned;
    The best lack all conviction, while the worst
    Are full of passionate intensity.

    >>> W. B. Yeats, The Second Coming


    Krieg. Nur weil es jetzt eine offizielle Erklärung dazu gab, änderte es nichts daran, dass die EU seit Jahrzehnten Krieg gegen irgendjemanden führte. In Algerien gegen die islamischen Terroristen im Süden zur Grenzen zu den Gumhuri-i-Islami, im Pazifik gegen Biotec-Mafia-Labore und im Inneren gegen die Armen in den Banlieus der Mega-Städte. Irgendwo kämpften sie immer, egal ob Soldaten oder Polizisten. Nur jetzt hatte das Parlament einen Feind benannt und gewagt es tatsächlich Krieg zu nennen. Wo es zuvor polizeiliche Einsätze waren oder Friedensmissionen. Am Ende kam immer jemand im Zinksarg nach Hause und eine Menge Replikanten in

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    Ein Schockzustand wird gemeinhin als lähmend beschrieben, als Erstarren der Glieder auf plötzliche, erschreckende Ereignisse. Aber Herrn Klug erfasste stattdessen rege Betriebsamkeit. Inventur, Zeichen entfernen, nächste Inventur, tragen, Informationen weitergeben, aus dem Weg gehen, und stets eilen, die Beine und Hände immer in Bewegung halten, wie eine gut geölte und aufgezogene Mechanik, die einfach abläuft, ohne größeren Nachdenkens zu bedürfen. Schock, so schien es Klug im Nachhinein, konnte auch ein Segen sein, wenn nämlich der Geist in Schockstarre verfiel und eingeübte Bewegungsabläufe nicht behinderte - mit Gedanken wie: Es ist Krieg. Wirklich Krieg. Und es gibt nichts, was du tun kannst. Eine einfache Floskel - "Die russische Union erklärt der europäischen Union den Krieg" - hat voraussichtlich ein paar Millionen Menschen zum Tode verurteilt.

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    Die Besprechung war vorüber, die letzten Taschen verstaut und die Fahrt würde gleich losgehen. Etwas verstohlen griff Sophie nach der Hand des Soldaten, drückte sie kurz, lächelte ihn kurz verstohlen an. Als sie seine Finger loslassen wollte, drückte er sie noch einmal sanft, sie musste noch mehr lächeln und lief schnell zum Bus.

    Die zivilen Mitarbeiter stiegen zuerst ein, die Russin sah sich kurz um. Da wäre ein Platz neben Herrn Klug. Sie mochte den Tschechen, schätzte seinen intelligenten Humor und seine ruhige Art. Allerdings war ihr gerade nicht nach einem tiefsinnigen Gespräch über die russische oder tschechische Lebensphilosophie, und irgendwie endeten ihre Gespräche - vor allem wenn man dafür eine ganze Busfahrt hatte - gerne mal dort. Nein, lieber etwas Ruhe. Ohne es selbst zu merken, steuerte sie den hinteren Teil des Bus an. Suzanne saß dort, wirkte in Gedanken. Kurzentschlossen ließ sie sich neben der Französin nieder, lächelte erneut und begann dann nach ihren

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    Je veux d'l'amour, d'la joie, de la bonne humeur
    Ce n'est pas votre argent qui f'ra mon bonheur
    Moi, j'veux crever la main sur le cœur.



    4. Dezember 2118, Erndtebrück, Deutschland


    Um sie herum herrschte hektisch-geschäftiges Treiben während Suzanne für den Moment nichts weiter übrig blieb als abzuwarten in den Transportbus einzusteigen, der für sie bereit gestellt worden war. Ihr Blick glitt kurz über die Menschen und Replikanten, welche wie die Zahnräder eines Uhrwerks ineinander griffen, um in beeindruckender Zeit den Standort vollständig zu räumen. So ernst die Situation auch war, war genau dies ein Anblick, der ihr in den letzten Tagen immer und immer wieder einen Funken Hoffnung eingepflanzt hatte. Das Gefühl einer sich entwickelnden zweiten Heimat. So ungewohnt dieses Gefühl für sie auch war was diese Zusammenstellung an Personen betraf sowie die Situation. Krieg. Nun war also Krieg. Wer von ihnen würde diesen überleben? Eine Frage, die sie sich seit langem stellte.

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    Einhundertachtundsechzig Stunden. Sieben Tage. Eine Woche.

    Je mehr Tareq über diese Zahl nachdachte, die sieben Tagen, die COL Soames nannte, bevor alle Anwesenden hektisch ihre Habseligkeiten zusammenrafften, desto kleiner kam sie ihm vor.

    So wenig Zeit. War das Projekt soweit? Waren die Menschen soweit?


    Das Zittern der rechten Hand wurde wieder stärker. Verdammt. Er brauchte noch so eine kleine Zauberpille von Dr. de Montpellier. Suzanne. Er sollte sich einen kleinen Vorrat anlegen, die Zeiten würden nicht ruhiger werden. So wenig Zeit, um einen Flug mit so vielen unbekannten Parametern zu wagen.

    Die Landschaft flog an ihm vorbei, er ertappte sich dabei, sich vorzustellen, wie all das hier in wenigen Tagen oder Wochen aussehen könnte. Wenn der Krieg nicht nur auf dem Papier und in den Newsfeeds, sondern hier, im Herzen Europas wütete. Tareq hörte auf, Notizen zu machen, er würde sie ohnehin nicht entziffern können. Er schloss die Augen und sah seine Mutter vor sich. Seinen

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    Дорогая моя Костя,


    auch wenn dein Brief mich erst vor wenigen Tagen erreicht hat, weiß ich, dass meine Antwort dich nie erreichen wird. Sie hätte es in den letzten 1,5 Jahren schon nicht. Auch wenn ich es kaum sagen, kaum denken mag, kann ich es fühlen.

    Du bist tot.

    Unwiderruflich. Ich wusste damals, dass die Regierung log, ich wusste damals nicht, was dir wirklich passiert ist. Aber das du von mir gerissen wurdest, habe ich gespürt. Ich habe es so erdrückend schrecklich gewusst, dass es mir das Herz, den Hals, den Magen, verschnürt hat. Ich habe nicht atmen können. Wochen nicht. Monate nicht. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich endlich Luft geholt gehabe. Jetzt habe ich deine Zeilen in den Fingern, deine Marken liegen neben mir, wenn ich schlafe. Deine Zeilen haben mir zwei bittersüße Erkenntnisse gebracht. Zum einen, dass ich niemals aufhören werde dich zu lieben... und es niemals aufhören wird, weh zu tun, dass sie dich mir genommen haben. Zum anderen, dass ich mich damit

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    Ich strecke mich etwas, seufze zufrieden und rutsche mit dem Oberkörper etwas zur Seite, sodass mich die Sonne, die durch den Rollladen fällt, nicht weiter blendet. Mein Blick fällt durch die Wohnung, in der ich in den letzten Monaten vermutlich viel zu oft war. Ich hätte mir vermutlich längst eine Zahnbürste hier deponieren sollen – aber das würde wohl die ungeschriebenen Gesetze brechen, die wir aufgestellt haben. Ich strecke mich, setze mich auf und angle nach dem Shirt von ihm, dass ich hier immer trage. Irgendwie hat sich das eingebürgert. Genau wie die keine-Zahnbürste-Regel. Mit einer Hand greife ich mein Handy und stelle die Spotifyliste auf shuffle. Priklyucheniya Elektronikov ertönt. Ich schmunzle. Wie prophetisch.


    ( https://open.spotify.com/track…si=PvIR7UjJSgyke4tKZYiZPw )


    Noch ein Griff und ich habe die Zahnbürste aus meiner Handtasche befreit, wandere ins Bad und sehe mich im Spiegel an. Ich würde es wohl nicht gerne zugeben, aber das hier tut mir gut. Ich bin etwas

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    Passent les jours et les combats
    Combien d'étés reste-t-il ici bas


    "Aktuelle Abendnachrichten an," teilte Suzanne dem SmartHome System befehlend mit während sie ihre Füße auf dem Sofa ausstreckte und den ersten genüsslichen Schluck des perfekt gekühlten Weißweins zu sich nahm. Sie war bereits bei Schluck drei als dieser ihr in der Kehle stecken blieb und sie laut hustend auf den Fernsehbildschirm starrte.


    Dr. de Montpellier verdächtigt.


    Zwischen dem Husten wies sie das SmartHome System an zu pausieren. Die weiteren abklingenden Huster schaute ihr ihr wie stets lächelnder Ex-Mann eingefroren auf einem Foto vom Bildschirm entgegen, unterlegt mit der Überblendung von einem Arrangement von freundlich-bunten Tabletten eines Stockfotos.


    Es brauchte einige Herzschläge und den restlichen Inhalts ihres Glases bevor sie die Nachrichten fortsetzen ließ. Den Blick starr auf den Bildschirm gerichtet, die Finger krampfhaft um den Stil des Weinglases geschlungen.


    Die Nachrichten waren bereits

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    Es würde alles einigermaßen knapp werden, aber wenn 43 keinen Fehler machte, sollte alles passen.

    Die kurzfristig anberaumte Reise nach Turin passt Tareq zwar überhaupt nicht in den Kram, aber wenn man schon als Keynote Sprecher zum ESAPI, dem European Summit for Astrophysic Informatics

    geladen wird, dann kann man dies schlecht ausschlagen. Vielleicht war es ja auch die letzte Gelegenheit noch einmal in der Öffentlichkeit aufzutreten.


    Das Meiste war bereits geregelt. Die Akademie war informiert. Tareq würde für einige Monate von seinen Tätigkeiten beurlaubt. Soweit nichts ungewöhnliches, zur letzten Weltumseglung war

    er fast ein Jahr abwesend. Dies war der Luxus, den man sich in seiner Position leisten konnte. Seine Stelle wurde freigehalten, aber Tareq wusste, sobald er der Akademie mitteilte, dass er

    wegen eines Projekts auf unbestimmte Zeit nicht zur Verfügung stehen würde, es schon ein gutes Dutzend junger und vielversprechende Kollegen gäbe, die bereits mit den Hufen scharrten,

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